Sonntag, 25. November 2012

Familienbande



Die Dinoexperten haben wieder einen Gartentermin. Linus und Howard haben sich heute die Giraffentitanen vorgenommen. Der Name liegt nahe, da die Vorderbeine länger sind als die hinteren und die langen Hälse hoch aufragen. Meistens kennt man sie noch als Brachiosaurier. Doch hier haben die Wissenschaftler seit 1988 festgestellt, dass die Giraffentitanen eine eigene Art bilden. Und die meisten Modelle beziehen sich auf die ziemlich vollständigen Funde von diesen Verwandten der Brachiosaurier in Afrika von 1909. Die ersten beiden Figuren stammen aus Mitte der 90er Jahre, aber man könnte glauben, dass die Hersteller die Pläne da schon mindestens 20 Jahre in einem geheimen Schrank gehortet haben, so überaltert war da schon diese Sichtweise. Denn der große Blaue ist ein elender Grinsepickel und der vordere hat dafür einen Kopf, als hätte er eine Pickelhaube verschluckt. Das Besondere an den Giraffentitanen sind die hochgesetzten Nasenlöcher, die weit über den Augen liegen. Deshalb waren sie und die Brachiosaurier angeblich besonders gute Tieftaucher. Aber dann hätten sie erst einmal einen Tümpel von 13 Meter Tiefe finden müssen. Und dann hätten sie schon eine Lungenmaschine gebraucht, weil sie in der Tiefe nicht mehr richtig hätten atmen können.

Deshalb sind die Saurier inzwischen wieder Steppenbewohner und ernähren sich nun wieder von den Baumspitzen, an die die anderen Saurier nicht rankommen. Die nächsten beiden Exemplare sind schon viel genauer in der Darstellung und zeigen einen wuchtigen Körper mit schlankem Hals. Der rechte könnte vielleicht für die 44 Tonnen Lebendgewicht stehen, wobei der linke etwas rankere für andere Schätzungen steht, die mit 22 Tonnen genau bei der Hälfte rauskommen. Auf jeden Fall haben beide den typischen Stopp in der breiten runden Schnauze und einen hochgewölbten Höcker über den Augen.

Die beiden nächsten Saurier sind beide eigentlich sehr jung, der hintere ist erst in diesem Jahr vorgestellt worden. Und dennoch dauert es offensichtlich sehr, sehr lange, bis so eine Figur moduliert wird. Denn der neuste Saurier zeigt exakt die Form, die die Tiere im ersten 'Jurassic Park' Spielfilm von 1994 hatten. Und der vordere bezieht sich auf ein ein bekanntes Skelett im Berliner Museum für Naturkunde und zeigt genau dessen Aufbau mit den leichten O-Beinen, die es bis zum Museumsumbau von 2007 hatte. Als die erste Titanen-Rekonstruktion in den 30ern aus mehreren Skeletten zusammengebaut wurde, waren sich die Forscher noch nicht sicher, ob die Beine unter oder neben dem Körper standen. Also hat man sich beim Basteln für einen Kompromiss entschieden. Inzwischen läuft das neuarrangierte Museumstier elegant mit enger Spur. Frisch eingetroffen mischt sich Lausebär ein: Vielleicht machen die Sauriermodellbauer mit Absicht keine modernen Saurier sondern die Altlasten, die noch Eltern und Großeltern kennen. Denn die müssen beim Kaufen ein gutes Gefühl haben.
   
Das gute Gefühl traditioneller Saurierkäufe wird inzwischen auf die Probe gestellt: Denn der mintgrüne Saurier mit den psychedelischen Mustern in Rot und Gelb über dem Kamm ist sicher die modernste Idee vom Giraffentitan. Bunt, hell freundlich und agil stapft er eiligen Schritts durch die Oberjura in Afrika. Der Hals hängt deutlich tiefer, als bei seinen bisher modellierten Vorfahren. Denn so einen 8,5 Meter langen Kranausleger für den Kopf muss an erst einmal stabil halten können. Das der ganze Hals sich mit nur 14 Halswirbeln dann noch schlangenförmig umherwinden kann, ist da eigentlich unmöglich. Aber wenn die anderen Sauropoden auch den Hals flach halten müssen, kommt der Giraffentitan immer noch an die höheren Äste und hat so seinen eigenen Fressbereich.

Dennoch haben sich alle noch an die hochaufgereckten Hälse der Brachiosaurier gewöhnt, die Abends pfeifend über dem Blätterdach des Dschungels auftauchen, wie noch in der 'Vergessenen Welt: Jurassic Park 2' von 1997. Vielleicht müssen alle jetzt doch auf einen vierten Teil warten, wenn gefiederte Dinos durch das Unterholz hüpfen und auch flinke Giraffentitanen in großen Familienverbänden sich mit gesenktem Haupt durch die Mammutbaum-Schonungen arbeiten. Dann gibt es wieder neue Bilder im Kopf, für die dann wieder die passenden Modelsaurier gebaut werden können.

Jetzt sollten die Bären aber diese Herde wieder einsammeln, denn an der Tischkante kommt sie nicht weiter und beginnen die Hälse zu recken, um einen sicheren Abstieg zu suchen.

Bis dahin kann man sich nur wundern, wohin das Schönheitsideal für die Sauropoden geht. Diese Apatosaurier werden demnächst einen noch dickeren Hals bekommen und auf spitzen Vorderhänden laufen.

Fotos: W.Hein


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