Montag, 24. Dezember 2007

Es weihnachtet sehr



Der Polarexpress kommt. Bevor dem Weihnachtsmann die Kufen einfrieren, nimmt er am Nordpol doch lieber den Pottwal. Und wenn man an Jonas denkt, passen auch jede Menge Geschenke in so einen Wal. Obwohl sich die Eisbären wohl dieses Jahr einfach wieder mehr Packeis wünschen.

Bleiben wir mal in Europa. Sollte es im Winter Geschenke geben? Da ist sich Europa einig: Ja, auf jeden Fall! Nur dann wird es typisch europäisch, also verwirrend unübersichtlich, wenn es an die Ausführungsbestimmungen geht. Einige Länder fangen schon am 5. Dezember an, ein weiterer Teil folgt am nächsten Tag. Hier ist der Heilige Nikolaus mit wechselndem Personal unterwegs. Als Sinterklaas zieht er mit dem Swarte Piet durch die Niederlande. In Deutschland straft Knecht Ruprecht die bösen Buben und in den Alpen ist beim Nikolo dafür der Kroatenimport, der wilde Krampus, zuständig. Die Polen werden vom Mikolas mit Kleinigkeiten beglückt, die Luxenburger erhalten dicke Dinger vom Kleschen.


Wechselnde Winde treiben diese beiden an Weihnachten umher. Ob so die Geschenke dort ankommen, wo sie sehnsüchtig erwartet werden? Aber noch wundersamer ist die Vorstellung, dass sich Schneemänner vorsätzlich in Gefahr begeben, wenn sie in Luftschiffen der Sonne zustreben.


Bevor am 24. und 25. Dezember der große Trubel losgeht, wandelt noch am 13.12. Santa Lucia mit ihrer Lichterkrone durch Schweden. In Großbritannien und Irland besucht Santa Claus, der sich wohl von Festlandstress am Anfang des Monats erholt hat, oder Father Christmas am Weihnachtsabend die Kinder. Die Franzosen vertrauen Pere Noel und Deutschland wartet auf den Weihnachtsmann. Der Sonderweg Österreichs für die heilige Nacht heißt Christkind. In Norwegen bringen Nisse Kobold mit weiteren Kobolden, Wichteln und Hexen die Gaben. Die Finnen wissen, dass am Nordpol keine Wichtelwerkstatt steht, denn der wahre Weihnachtsmann, der Joulopukki, wohnt bei Ihnen um die Ecke. Dem ist der Weg bis Portugal offensichtlich doch zu weit. Dort greift man zur Selbsthilfe und verteilt die Geschenke untereinander in einer Tombola. Der einzige Gast im Baskenland ist Olentzero, ein Köhler. Die Polen wissen offensichtlich nicht, wer kommt, legen aber zur Sicherheit am Weihnachtsabend ein Extragedeck auf.

Wen wohl dieser vornehme Weihnachtsbote besucht? Auch am Südpol werden Geschenke und Bäume verteilt, aber bei den eisigen Temperaturen vertraut man lieber auf Einheimische.


Nicht nur der julianische Kalender ist daran Schuld, dass sich in Russland Väterchen Frost mit Schneeflöckchen erst am Neujahrstag aufmacht. Der heilige Vassilius als Bildungsheiliger hat dann gerade erst die Betten der Griechen besucht. Am längsten warten die romanischen Länder. Dort kommen mit den drei heiligen Königen am 6. Januar endlich die Geschenke. Italien teilt mit dem hohen Norden nicht nur die Begeisterung für den stoccafisso. Auch hier ist eine alte Hexe, La Befana, als gute Fee mit der Verteilung der Geschenke betraut. Ein unmögliches Möbelhaus sorgt unermüdlich dafür, dass auch das restliche Europa erfährt: Das Ende der Weihnachtszeit heißt bei den Schweden Knut.

In Australien werden nur stoßfeste Dinge verschenkt und der Weihnachtsmann braucht einen stabilen Magen. Zum Fest wird der Nachwuchs aus dem Beutel ausgelagert und die Eltern übernehmen die Verteilung der Geschenke. Da Weihnachten mitten im Sommer liegt, rieselt von den Bäumen höchstens der Kunstschnee.


Dieser Überblick über den europäischen Gaben-Marathon ist sicher nur eine grobe Vereinfachung. Und bei knapp 40 Ländern und noch mehr Regionen sind einige auch einfach unter den Gabentisch gefallen. Aber diese breite Streuung von Verteil-Terminen über einen Monat hat einen unschätzbaren Vorteil: Wenn alle Geschenke-Boten auf einen Schlag an der Warenausgabe der finnischen Wichtelwerkstatt in Korvatunturi anstehen würden, gäbe es sicher ein furchtbares Gedränge. Und die neuen Schneeschuhe würden in Sizilien landen, während sich der kleine Lappe über eine Spaghettigabel wundert.

Weihnachtsbären tauchen zu Recht nicht in den europäischen Traditionen auf. Lange Zeit hat man vermutet, dass sie das Fest einfach nur verschlafen. Aber hier sieht man, sie kümmern sich vor allen Dingen um die eigenen Geschenke und lassen vom leckeren Honig keinen Schnitz für andere übrig.


Eine europäische Normung in diesem Wirrwarr der Zuständigkeiten kann sich die EU übrigens sparen. Die Vielfalt der Figuren ahnen wir - von unseren eigenen Traditionen seit der Kinderzeit abgesehen - höchstens noch in den Weihnachtsliedern. Sonst weiß heute jedes Kind in Europa, dass der Santa am Liebsten Rot-Weiß trägt, doch am Nordpol wohnt und durch den Kamin steigt, wenn alle schlafen. Er bekommt dann Milch und Kekse und draußen wartet sein treues Leitrentier Rudolf mit der roten Navigationsnase. Das ist unser gemeinsames Gedächtnis, seit um 1920 ein braunes Britzelwasser den Weihnachtsmann neu erfunden hat. Und inzwischen hat es die Filmwirtschaft im sonnigen Südkalifornien übernommen, unsere Vorstellung von Weihnachten industriefreundlich zu formen. Damit die eifrigen Hände in China nicht etwa baskische Köhler oder schwedische Lucias mit russischen Schneeflöckchen durcheinander bringen.

Überall wohlbekannt ist das Weihnachtshuhn - nicht zu verwechseln mit ihrer Schwester, der Weihnachtsgans. Sie wird von einem kleinen Engel getrieben und macht ... nichts. Oder hat jemand eine Idee?


Diese Figuren stammen aus dem späteren Sozialismus des Erzgebirges. In dieser Zeit war das Nadelöhr zum lukrativen Westen der Laden von Käthe Wohlfahrt in Rothenburg ob der Tauber. Mitten in der schönsten Tourismuskulisse (gleich nach Neuschwanstein und Altheidelberg) wurde hier mit diesen Figuren nach neuen Zielgruppen gesucht. Nach der deutschen Einheit konnten sich die Sachsen selbst vom Markt überzeugen und kehrten schnell zu den traditionellen Motiven zurück. So blieb dieses wilde Erzgebirge nur ein kurzes Zwischenspiel in einer endlosen Reihe von Nikoläusen, Engeln, Wichteln und Sternsingern.

Fotos: W. Hein

Kommentare:

Saba hat gesagt…

...der Heilige Abend ist vorüber, aber für die Feiertage, und auch für den Jahreswechsel und vor allem für das kommende Jahr 2008 wünsche ich euch, Silke und Wolfgang, alles Liebe und Gute, auch wieder so viele schöne Beiträge, an denen man sich immer wieder erfreuen kann...nehmt die Zeit, um mal die Seele baumeln zu lassen und es zu genießen...das wünscht euch

Saba

Wurzerl hat gesagt…

Ich war jetzt ernsthaft am grübeln, ob ich nicht eine Geschenkeflut auslösen könnte, wenn ich einen sogenannten "Bescherungs-Tourismus" austüfteln würde. Aber ich konnte mich letztlich nicht entscheiden, ob ich mit dem Ballon oder dem Schlitten und doch mit Wal zu dieser europäischen Reise aufbrechen will!
So vertage ich die Entscheidung auf das nächste Jahr und wünsche Euch einstweilen ein schönes Wochenende.
Lieber Gruß vom Wurzerl

NaturEllas Schatzkiste hat gesagt…

goldig sind die kleinen Figürchen.
Ich habe solche kleinen Osterhasen aus Holz für den Osterstrauch.
In 12 Wochen ist Ostern!!!

Liebe Grüße und einen sehr guten Rutsch in das Jahr 2008 bei viel Gesundheit und Glück

von NaturElla